» Weinrebengewächse

Wilde Weinrebe

Vitis vinifera sylvestris
(lat. vitis = Weinrebe, vinfera = weintraubentragend, sylvestris = im Wald beheimatet)
Familie Vitaceae (Weinrebengewächse)

Die Wilde Weinrebe ist eine uralte Pflanze. In Nordamerika und Südwesteuropa wurden 130 Mio. Jahre alte Versteinerungen von ihr entdeckt, die aus dem Zeitalter der Unteren Kreide stammen. Im Tertiär vor 60 Mio. Jahren war das Klima in Grönland so mild, dass die Weinrebe dort wuchs. Die Wilde Weinrebe war ursprünglich in feuchten Auwäldern zu Hause, wo sie sich bis in die Wipfel der Bäume rankte, um genug Licht zu bekommen. Vögel verbreiteten ihre Samen. Wahrscheinlich haben die Menschen in der Altsteinzeit auch in unseren Breiten schon die wohlschmeckenden blauen Beeren gesammelt und gegessen. Diese Beeren waren aber eher selten zu finden, denn die Weinrebe war eine zweihäusige Pflanze, das heißt männliche und weibliche Blüten sitzen auf verschiedenen Pflanzen. Noch heute sind Wilde Weinreben, die selten aber doch in unberührten Auwäldern des Oberrheintals oder der Unteren Donau zu finden sind, zweihäusig. Eine Weinrebe vom Samen gekeimt und aufgewachsen, braucht viele Jahre, bis sie die ersten Früchte trägt.

Die einhäusigen Weinreben entstanden durch Mutation. Wann dieser Entwicklungssprung erfolgte, darüber sind sich die Forscher nicht ganz einig. Von den Menschen in die Kultur genommen wurden die Weinreben aber erst in der Jungsteinzeit, das heißt nach der Sesshaftwerdung der Menschen. Damals waren die Weinreben schon einhäusig. Bald entdeckt wurde auch die Möglichkeit, Weinstöcke durch Stecklinge zu vermehren, was jahrelanges Warten auf die ersten Früchte ersparte. Eng verbunden mit der Kultur der Weintrauben sind die frühen Hochkulturen der Menschheit: Ägypten, Babylon, Persien, Griechenland, Rom etc. Wann aber haben die Menschen bemerkt, dass man durch alkoholische Gärung Wein herstellen kann? Man hat 8000 Jahre alte Weinkelteranlagen am Kaukasus gefunden.

Viele Legenden ranken sich um die Erfindung des Weines. Eine der ältesten ist die Geschichte vom altiranischen König Dschemschied, der in seinem Palastgarten Tafeltrauben kultivierte. Um sie länger frisch zu erhalten, ließ er sie im Keller in einem Bottich aufbewahren. Was dann geschah, lässt sich leicht erraten. Die Weintrauben begannen zu gären, der Fruchtzucker verwandelte sich in Alkohol, was der König angeblich für gefährliche Zauberei gehalten hat*. Aber eine seiner Frauen, von starken Kopfschmerzen geplagt, kostete von dem Zaubertrank und kehrte erfrischt und gesund zu ihrem Gatten zurück.

Die Römer liebten den Wein ganz besonders. Wie dieser Wein aber damals wirklich geschmeckt hat, können wir nur erahnen. Jedenfalls wurde er mit Wasser gemischt und mit Kräutern oder Honig gewürzt. Aus Carnuntum ist uns ein Text bekannt, in dem sich ein Legionär über den Wirt beklagte, dass dieser den Wein zu sehr verwässerte. Eigene Weinmischgefäße, Krater genannt, sind uns aus dieser Zeit zahlreich erhalten.

Die Römer ließen die Weinstöcke, die eine Höhe bis 20 m erreichten, auf Bäume ranken. Die Traubenernte war gefährlich. Stürzte ein Pflücker ab, musste der Besitzer des Weinstockes das Begräbnis bezahlen. Plinius der Ältere pries die heilsamen Wirkungen der Trauben als diätetisch, empfahl ihren Genuss allerdings in getrocknetem Zustand als Rosinen.

Das Christentum hat viel zu Verbreitung des Weines in Europa beigetragen, ist er doch für die heilige Messe unerlässlich. In islamischen Ländern stellte man sich auf die Produktion von Tafeltrauben und Rosinen um. Im Mittelalter war es üblich, auch in den Städten Weinstöcke an der Hauswand zu ziehen um frische Weintrauben zu Hand zu haben.

Die Bemühungen der Menschen, Weinstöcke zu kultivieren, haben unzählige Rebensorten hervorgebracht. Allen ist aber gemeinsam, dass sie Wärme liebend sind. Um guten Ertrag zu bringen, brauchen sie 1500 bis 1800 Sonnenstunden und 160 Tage ohne Frost. Daraus ergibt sich, dass der Wein am besten in der wärmeren gemäßigten Zone zwischen dem 35ten und 45ten Breitengrad gedeiht.

Anfang Mai beginnen die Weinreben auszutreiben und klettern mit Hilfe ihrer Ranken an Stützen empor. Die bereits im Vorjahr angelegten Blütenknospen werden schon bald nach dem Austrieb als wie sie der Winzer nennt „Gescheine“ sichtbar. Sie sitzen botanisch gesehen aber keinesfalls in Trauben, sondern in Rispen. Die Kelchblätter der Blüte sind 5-zählig und werden nach dem Aufblühen als „Käppchen“ abgeworfen.

Während der 8-tägigen Blütezeit sollte es warm, windstill und etwas feucht sein, um den besten Fruchtansatz zu erzielen. Die rundlich herzförmigen Blätter sind meist 3 - 5 lappig gezähnt und 5 – 15 cm im Durchmesser. Die Oberseite der Blätter ist kahl, die Unterseite mehr oder weniger filzig behaart. Die Blätter sind essbar und werden z.B. in der griechischen Küche zum Einwickeln von Spezialitäten (Dolmades) verwendet. In der Medizin wird die venentonisierende Wirkung des Weinlaubes genützt.

Die Beeren sitzen auf einem kegelförmigen Fruchtboden und bestehen aus einer Schale, dem Saftgewebe und 1 – 3 Kernen. Das Angebot an verschiedensten Sorten Tafel- oder so genannten Kellertrauben ist beinahe unübersehbar. Tafeltrauben sollen groß und lockerbeerig mit zarter Beerenhaut und arm an Beeren sein. Die Trauben zur Weinbereitung sollen viele dicht gedrängte Beeren tragen. Es gibt frühreife Sorten, späte Sorten, Sorten für die Eisweinbereitung und so weiter und sie variieren in der Farbe von dunkelblau, über gelb, grün bis fast weiß. Die Wilde Weinrebe hatte ursprünglich blaue Beeren.

Das landläufig als Wilder Wein bekannte Ziergewächs (Parthenocissus spec.) hat nichts mit der Wilden Weinrebe zu tun, sondern ist lediglich ein entfernter Verwandter. Den Kulturrebstöcken drohen Gefahren durch viele Pilzkrankheiten und tierische Schädlinge. Berühmt geworden ist die Reblaus, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus Amerika eingeschleppt wurde und in europäischen Kulturen verheerende Schäden verursachen kann, weil diese Weinstöcke keine Abwehrstoffe gegen die Reblaus besitzen. Oft pflanzt man in Weingärten Rosenstöcke, was nicht nur hübsch ausschaut, sondern sie dienen, weil sie empfindlicher sind, als „Anzeiger“ für Pilzbefall.

Das Holz der Rebstöcke ist zäh und biegsam und wird in der Floristik zum Binden von Gestecken verwendet. Die rostbraune Farbe des Holzes macht es für Schnitzereien und Kunstgegenstände effektvoll.

Die Produkte aus Weintrauben sind vielfältig: Traubensaft, Traubengelee, Wein, Wermut, Weinbrand, Cognac, Grappa (Trebernschnaps), Metaxa, Rosinen, Trauben-Likör, etc. In der Tradition der österreichischen Küche werden Wein und Weinbrand für Soßen und Süßspeisen verwendet, die den Speisen eine besondere Note verleihen. Berühmt ist die Meraner Traubenkur als Entschlackungskur und zur Gewichtsreduzierung. Man isst jeden Tag 2 kg Weintrauben über den Tag verteilt am Besten anlässlich eines Aufenthaltes im schönen Meran. Angeblich hat schon Kaiserin Sissy auf diese Kur geschworen.

Rezept für Traubengelee:

0,8 l Traubensaft mit Wein auf 1 l ergänzen und mit 1 kg Gelierzucker einkochen.


* Alkoholische Gärung, Hefepilze spalten Zucker mit Hilfe von „Zymose“ (durch Enzyme) C6 H12 06 => 2 C2 H5 OH + 2 CO2 + Energie